Maltesisch ist eine eigene, feine Sprache, die sich aus acht anderen zusammensetzt. Latein als Ursprung, beeinflusst von Italienisch, Englisch … - ja so ganz genau weiss er das auch nicht im Einzelnen. Aber nein, Griechisch auf keinen Fall. Na klar, hier auf der Insel gibt es guten Fisch. Aber die lokale Spezialität ist gegrilltes Kaninchen, dass eigens dafür gezüchtet wird. Freilich, das Karnickel ist auch ein wildes heimisches Wesen. Der Strand in St. Julians sei nur ganz klein, da bliebe noch genug Zeit mehr zu erkunden nach meinem Morgenspaziergang. Überhaupt ist es ja unerhört, dass ich übermorgen schon wieder abreisen werde, denn in Malta gibt es so! viele! historische! Sehenswürdigkeiten und ich müsste mir doch ausreichend Zeit nehmen, diese auch anzuschauen. In mir reift unangenehme Gewissheit: Chris wird bis auf das Hotelpersonal einer der wenigen maltesischen Einheimischen sein, mit denen ich während meines Aufenthaltes überhaupt direkt interagieren werde. Auf meinem Sonntagsprogramm stehen vor allem und ausschliesslich Meetings von morgens bis abends (-- mir scheint, so mancher gesellschaftliche Umbruch wird heutzutage in Hotellobbies und hotelinternen Konferenzräumen angezettelt, durchaus weit entfernt von dort, wo sie stattfinden sollen).
Spätabends eingecheckt bin ich unternehmungslustig. Jetzt oder nie, morgen wird es ernst und dann ist für erkundigende Vergnügungen keine Zeit mehr. Ich stürze mich ins zentrale St. Julianische Halloween-Getümmel. Und bereue sofort, meine Ohrenstöpsel nicht mitzuführen. Ballermann hoch sieben. Eine Stadt voller junger Leute, die sich bei lautmöglichster Musik aus den Bars mit Alkohol, Nikotin und einander vergnügen. In jeder halbdunklen Ecke sitzen, kauern, lehnen knutschende Kinder. Aber zu meiner Erleichterung es ist eine einheimische Pflanze, die hier nach Sperma und Kondomen riecht. Da hält sich mein Bedarf an wahrgenommener maltesischer Interaktion dann doch in Grenzen. Ich rede mir selber zu: "jule, du befindest dich in mediterranen Gefilden …" Ja, und Acht muss ich deswegen geben. Die Autos hier fahren nicht nur links herum, ihre Fahrer scheinen fussgängermüde. Weitab der jugendlichen Blicke, Küsse und Zärtlichkeiten bin ich auf der Suche nach dem hell erleuchteten mediterran anmutenden Gebäude, das ich vom Balkon meines Hotelzimmers aus weit oben über der Bucht sehen konnte. Kaum Licht in den Häusern rundum und die Wachhunde weinen. Abseits der beschallten Barmeile ist alles tot. Nach langem Irren durch die Gassen stehe ich vor verschlossenen Toren. Das antike Gebäude meiner Neugierde entpuppt sich als eingezäuntes Privatgrundstück.

Ohne Augenfreude kämpfe ich mich zurück durch die Menschenmassen auf der Suche nach einer Gaumenfreude. Nichts lädt zum Verweilen ein. Ein ganzer Ort, Häuserfronten, Restaurants und Bistros ohne jeden Charme. Diese Sprache klingt in meinen Ohren nicht. Heute, hier und jetzt, kann ich dem, was meine Sinne wahrnehmen, nichts abgewinnen. Ich habe geschaut und geschaut, meine Ohren sind taub, aber nichts spricht mich an. Kaum da könnte ich glatt wieder gehen. Ich bin mir sicher, dass es hier schöne Ecken gibt. Nur werde ich die vorerst nicht sehen. Und ich weiss, Du wirst über mich lachen - nicht einmal das Eis hat mir geschmeckt.
Mir bleibt das Meeresrauschen. Wenn ich meine Balkontür einen Spalt breit offen lasse, wird es nicht draussen bleiben.

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