Tee und Yoga. Yoga und Tee. Und zwischendrin zwei Tassen Kaffee.
Mein Wecker reisst mich aus einem Traum, den ich im selben Moment auch schon vergesse. Das ist das Glück des Moments. Moment? Ich erwache aus tiefer Tiefe. Alles liegt so still, so dumpf und dunkel. Mein Kopf, meine Glieder, alles an mir fühlt sich an wie ein versteinertes Stück Holz. Mein Bewusstsein läuft verloren den Augen hinterher, die durch mein Zimmer wandern. Ich weiss, wo ich bin. Aber schweres Dunkel umgibt mich. Dann die Erkenntnis. Es ist sehr früh am Morgen, 5:20 AM um genau zu sein, und ich habe vor dem Einschlafen für mich beschlossen, dass ich jetzt aufstehe und zum Yoga gehe. Ein Augenblick des Zweifels. Stehe ich jetzt auf? Es ist nur ein Handgriff, Licht aus, Wecker umstellen, umdrehen, Augen zu und weg. Schwach werden ist ein Kinderspiel. Ich schwinge mich aus dem Bett, der Sieg über die Schwerkraft auf voller diagonaler Ebene. Ich komme zum Stehen und stolpere drauf los. Mein Zimmer fühlt sich an wie das Innere eines Kühlschranks. Mein Zimmer ist ein Kühlschrank. Ich bleibe frisch, wenigstens bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum. Ich kann diesen Akt des Aufstehens gerade nur vollführen, weil ich ihn allmorgendlich geübt habe, jahrelang. In Vollautomatik kann ich Ärmel durch Arme stecken, das Ende von Hosenbeinen finden, den Kopf durch den Kragen heben, den rechten Strumpf über den linken Fuss ziehen und den rechten Fuss in den anderen, gleichfarbigen Socken stecken. Mein Korb mit Yogautensil steht vorsorglich wartend und gefüllt bereit. Auf dem Weg in die Garage zum Michel, meinem orangenen Fahrradfreund, sauge ich an meiner Trinkflasche. Den Gang durch den Schwitzkasten für Yogis und Yoginis will ich nicht dehydriert antreten.
Draussen ist alles still, noch nicht einmal die Dämmerung schaut vorbei, ich bin der erste und einzige Bewohner unserer Strasse; die Häuser sind nur Attrappen, dort brennt ja nicht einmal Licht. Die Strasse gehört nur Michel und mir. Wir sind zwei. Der Deal ist das Bikram-Studio, das ist noch viel wärmer als mein Bett. Da könnte ich noch so viel pupsen - unter meiner Bettdecke krieg ichs nicht so heiss. Der Regen trocknet noch auf dem Asphalt. Ich zisch drüber weg. Atme tief frisch und frei.
Mir nichts dir nichts räkele ich mich auf meiner Yogimatte. Komisch, so ein Morgen im Schusterdunkel. Nur einschlafen darf ich jetzt nicht. Dann war der ganze Aufwand umsonst. Ich übe, das Zufallen der Augen und das Wegdriften meiner Gedanken ins Traumreich durch gezielte Konzentration auf einen Punkt an der Decke zu bezwingen. Mein Auge blinkt, eins zwei zu, ach nein, ich halt dich fest, ich reiß dich auf. Tadaa, da ist der Punkt.
So ein Yogafrühmorgen. Da ist der Körper noch steif, da ist die Dehnung noch nicht so flexibel, da zieht es hier und dort ein bisschen und Jule fühlt sich wie tausendundein Zipperlein. Selbst das Schwitzen will nicht so recht aus vollen Poren. Und die Balance, oh die Balance, auf der linken Seite wackelts beträchtlich. Aber voran. Voran. Ich bieg mich voran. Dem Tag entgegen. In jedem Savasana, wenn ich auf dem Bauch liege und meine Augen sich nach links ausruhen, sehe ich draussen die Sonne aufgehen und den Himmel von dunkel- nach hellblau wachsen.
Ich trete befreit zurück ins Freie und der Tag hat gerade erst begonnen. Mich giert nach einer kalten Dusche. Und der Typ da vor mir, der die Strasse überquert mit seiner dampfenden 'I LOVE NY'-Kaffeetasse in der Hand, der riecht tausendmal besser als ich.
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