Funksprueche nach Atlanta in die Delta-Zentrale, unzaehlige Digitalfotos und Announcements des Kapitaens und eine ganze Stunde spaeter ist klar: heute fliegen wir nicht mehr. Ein Ersatzteil muss nach Deutschland geflogen werden, die Tragflaeche braucht eine Reparatur und ganz viele Reisende aus der Boeing 767 werden unheimlich sauer, waehrend sie das Flugzeug noch in Berlin wieder verlassen und unklar ist, wie ob wann es jetzt weiter geht. Delta Airlines ist von dem Vorfall so sehr ueberfordert wie ich muede bin. Ich habe in den vergangenen 72 Stunden vielleicht 12 Stunden geschlafen... Von mir gibt es keinen Widerstand zum Geschehen. Ich fuege mich dem Fluss, beobachte meine Mitmenschen, lerne fuers Leben und das Laecheln, das ich mir noch immer auf die Lippen zaubern kann, versucht, ein wenig Liebe in die Umgebung freizusetzen.
Fruehmorgens, Donnerstag, 8. Januar 2009, 7:45. Ich stehe wieder auf dem Flughafen Berlin Tegel. Anders als die meisten Passagiere der verletzten Boeing 767 nach New York hatte ich das Glueck, in Berlin ein Zuhause zu haben, wo eine liebe Mama, ein vertrautes Bett und eine frische Unterhose auf mich warteten. Delta hatte den Gepaeckraum des Vogels versiegeln lassen und ich habe mich ueber Nacht gefragt, wie lange es wohl dauert, dass bei den derzeitigen Minusgraden in Berlin meine Kontaktlinsen, Cremes und elektronischen Geraete tiefgefrostet sind.
Wieder stehe ich am Check-in von Terminal A01 und endlich kann man mir auch bestaetigen, dass ich noch am heutigen Tage an meine final destination weiterfliegen werde. Wenigstens keine Nacht in einem Hotel in der Naehe vom JFK Flughafen. Vor mir liegt ein unendlich langer Trip. Und Fliegen macht keinen Spass, wenn man erkaeltet ist. Und erst recht nicht, wenn einem die Airline erzaehlt, dass fuer keinen meiner sechs Fluege vegetarisches Essen bestellt ist, obwohl dies von meinem Chef ausdruecklich mitgebucht wurde. Ok, never ever mind.
Meine Erinnerung an den Rueckflug aus New York im vergangenen November ist so lebendig, als waere es vorletzte Woche gewesen. Bald bin ich wieder in San Francisco, aber jetzt geht es erstmal nach BOGOTA, die Hauptstadt von Kolumbien. Ich weiss nichts, wirklich nichts ueber dieses Land, diese Stadt und seine Menschen. Von einem kalifornischen Mitreisenden - ehemaliger Bundestrainer eines deutschen Basketballteams und Maler - erfahre ich, dass die Waehrung dort der Peso ist und Bogota ganz weit oben in den Anden liegt.
New York, JFK Airport, Donnerstag 8. Januar 2009, 14:13. Der Immigration Officer blaettert in meinem Pass, inspiziert meine vielen Papiere und Formulare und fragt mich nach meiner Adresse in San Francisco. Ich klaere ihn darueber auf, dass ich jetzt vorerst nach Bogota weiterfliege. Er spitzt die Ohren, was mache ich denn in Kolumbien und was ist das ueberhaupt fuer ein Praktikum, und ich war doch letztes Jahr auch schon in den Staaten? Ich erzaehle die Eckpunkte: Bogota ist meine erste Dienstreise, ich lerne jetzt das Kolumbien-Projekt meiner Praktikumsorganisation kennen, in meinem Praktikum beschaeftige ich mich mit Menschenrechten, deren Verletzung, ich werde Menschenrechtsdaten untersuchen und statistische Analysen durchfuehren. Aha.
Der Immigration Officer nimmt meine zehn elektronischen Fingerabdruecke, macht ein Foto von einer total uebermuedeten Jule ("bitte Brille abnehmen", Laecheln nicht noetig) und rafft all meine Papiere zusammen, um sie in einen roten Hefter zu stecken. Ehe ich mich versehen kann, erfahre ich, dass meine Fingerabdruecke noch einmal genommen werden muessen und der Officer fuehrt mich in einen separaten Raum, in dem schon einige verlorene Seelen sitzen. Ich setze mich dazu. Mein Herz pocht. Was geschieht jetzt? Bin ich verdaechtig? Menschenrechte, Kolumbien, ein erneutes Visum - zu viel fuer die Sicherheit der USA? Vor mir baut sich eine Wand auf, dahinter sitzen erhoeht zwei Beamte und studieren Computerdateien und Akten. Jemand wird aufgerufen: "Danke, entschuldigen Sie die Unannehmlichkeit. Sie koennen gehen. Sie haben einen so weitverbreiteten Namen, wir mussten uns versichern, dass Sie nicht jemand sind, den wir suchen." Ich denke an meinen eigenen Namen, die Ergebnisse einer Google-Suche und muss schlucken.
Die Beamtin vor mir greift zu dem roten Hefter. Es erscheint mir wie unzaehlige Ewigkeiten, wie sie da mit ihrer Maus scrollt und sich durch ihren Bildschirm klickt. Ich moechte gar nicht wissen, was sie in diesem Moment alles ueber mich lesen kann; ich will mir noch einen kleinen naiven Rest Vertrauen und Gutmenschentum bewahren. Sie beginnt, meinen Pass zu stempeln und die Ausreisepapiere festzutackern, sie ruft mich auf: "Danke, das wars, Sie koennen gehen. Gute Reise!" Keine extra Fingerabdruecke? Wenn das nicht alles nur ein Vorwand fuer ein intensiveres Studium war...
Donnerstag, 8. Januar 2009, 4:04pm, JFK Gate 11. Mein Flug geht um 4:30pm. Ich stehe am Gate 11 und nix ist los, die Tueren sind zu. Das Boarding nach Bogota hat wohl noch nicht begonnen. Ich ueberlege, ob ich noch spasseshalber durch den Duty Free schlendern gehe. Aber um sicher zu gehen, frage ich lieber noch mal nach. "Does boarding to Bogota start here?" "Are you Julianne?" Aeh, ja?!?!?!?! [A weird thought: Die kennen mich auch?]. "The bus already left! We have been calling for you!! Where have you been?!?!?!" Whoops. Und jetzt? Mein Herz pocht schon wieder. F**k. Jetzt verpass ich auch noch meinen Anschlussflug, wann ist Schluss mit dieser Reise mit Hindernissen?! Ich will nur noch ankommen, aber es sieht nicht! gut! aus! Die Frau am Gate 11 rennt hin und her, verlangt meine Boarding-Karte. Sie scheint zu wissen, was sie tut. Ich bemuehe mich um innere Ruhe und zwinge mich dazu, einem fremden Mitmenschen, ihren Kompetenzen und ihrem Wissen zu vertrauen. Ich kann jetzt eh nichts mehr tun, also bleibt mir nur noch, mit dem Fluss zu gehen.
Die Frau von Gate 11 fordert mich auf, ihr schnell zu folgen. Wir rennen Stahltreppen hinab. Unten auf dem Flughafengelaende fuehrt sie mich in einen leeren Bus und weist den Fahrer an, mich zu Maschine 683 zu bringen. Die Crew eines Fluges nach Cincinnati steigt auch noch ein. Waehrend der Bus ueber das Rollfeld rauscht und seinen Weg durch den riesigen Flugzeugparkplatz bahnt, unterhalte ich mich mit dem Capitan vom Flug nach Cincinnati. Das organisatorische Drumherum schlaucht, aber das traumhafte Fliegen geniesst er. Und da ist er auch schon, mein Flieger, denn meine Tasche wird soeben in seinen Bauch verladen. Es hat eben doch einen Vorteil, wenn man mit einer lila rosanen Reisetasche in der Welt unterwegs ist. This is my bag - this is my plane. Ich soll aussteigen, mach ich doch gerne! Und hops.
Ich stehe am Fuss der Maschine von Flug DL395 nach Bogota. Hier ist Flughafenpersonal zu Gange, aber niemanden interessiert, wer ich bin oder wohin ich will. Vor mir baut sich eine weisse, klapprige Gangway auf. Da muss ich jetzt wohl rauf. Ich laufe los.
Es ist kuehl in New York. Ein starker Wind geht mir durch das Haar. Es ist frisch. Ueber New York geht gleich die Sonne unter. Die Stufen sind sehr niedrig, ich nehme mehrere auf einmal, alles wackelt. Aber der Wind weht mir durch das Haar. Ich muss lachen und Freude steigt mir in mein Herz. In genau diesem Augenblick faengt dieser Trip an, mir Spass zu machen.
Der Flieger ist leer, durch die offene Tuer werfe ich einen Blick in die Flugkabine und schaue dem Capitan ueber die Schulter, der gerade in einer Zeitung blaettert. Durch die Business Class hindurch bahne ich mir den Weg zu Sitz 21C. Das Flugpersonal schaut mich erstaunt an: "Did you just climb these stairs?" I nod. "Oh my Gosh!" Ich bin verwirrt, aber egal, jetzt kratzt mich eh nix mehr. Der schwule Steward spricht mir seine Bewunderung aus, "it was sooo cold and sooo windy to climb these stairs". Na bitte. Beinahe das Flugzeug verpasst und trotzdem ein Held!
Hier im Flieger weht suedamerikanisches Flair. Alles easy going. Die Stewards und Stewardessen sind bei bester Laune. Ein Flugbegleiter verkuendet, dass wie wir sehen, dieser Flug alles andere als ausgebucht ist. [Will wohl keiner nach Bogota.] Jetzt waere der beste Zeitpunkt, sich seinen Lieblingsplatz auszusuchen. Ich rutsche durch ans Fenster. In New York geht gerade knallrot die Sonne unter und wir rollen langsam der Abflugbahn entgegen. Auf New Yorker Flughaefen staune ich immer ueber ein ganz eigenes Phaenomen - die Warteschlange vor der Abflugbahn! Da stehen ganz viele Voegel brav in Reih und Glied und reihen sich hintereinander vor der Schneise ein. Im Drei-Minuten-Takt nehmen sie Anlauf und heben ab, waehrend der Vorgaenger noch gut sichtbar in den Himmel aufsteigt. Noch vier, noch drei, noch zwei...
Der coole Steward mopst mir ein Essen aus der Business Class, weil ich mein Sandwich mit Wurstbelag nicht essen kann. Ich schlemmere Salat und leckeren Kaesekuchen von richtigen Tellern und mit richtigem Besteck. Koeniglich ueber den Wolken. Aber dass Delta Airlines es nicht schafft, mich Voegelchen satt zu machen, ist doch wirklich ein wahres Kunststueck.
Es ist still. Der Himmel ist klar, vereinzelte Pufferwolken. Wir sollen trotzdem angeschnallt bleiben. Auch wenn ich das bei diesem klaren Himmel nicht verstehe, haben wir auf einem Grossteil des Fluges Turbulenzen, der Vogel wackelt betraechtlich. Ich schaue hinaus. Ich fliege ueber die Bahamas und Cuba hinweg. Ich bin ein Fan von Moving Maps im Flugzeug, auf denen man die Route genau mitverfolgen kann. So sehen Camaguey und Santiago de Cuba also von oben aus: pulsierend und hell erleuchtet. Ich traeume von zukuenftigen Reisen und mir fremden Orten. Irgendwo hier in der Naehe liegt auch Punta Cana. Vor der Kueste von Kolumbien stapeln sich Wolken. In der Ferne entlaed sich ein Gewitter. Von oben gesehen erhellen sich die Wolken magisch orange.
Donnerstag, 8. Januar 2009, 22:23 Ortzeit, Landung in Santa Fe Bogota, 27 Minuten zu frueh. Geschafft. Angekommen. Ich bin gut in Bogota gelandet. Wurde abgeholt, bin gefuettert und nach 23 Stunden auf den Beinen tot in ein grosses weiches Bett gefallen. Der kolumbianische Einreiseoffizier stellte viele Fragen, entliess mich dann aber mit der Bemerkung, dass ich ein wunderschoenes Laecheln haette. Na dann. Willkommen in Suedamerika!
P.S. Ich habe bereits einen selbstgemachten Tomate-de-Arbol-Saft getrunken ;-).

No comments:
Post a Comment