April 17, 2010
Frühling.
Frühling ist ein anderes Lebensgefühl. So als würden sich plötzlich leere Speicher wieder auffüllen und mich mit Leben nähren, ohne dass ich etwas essen oder trinken müsste. Der Frühling ist ein wahrer Zauberer. Ich laufe durch die Stadt und bemerke die grünen Knospen an den Bäumen. Von Baum zu Baum auf dem Bürgersteig. Im Park spielt eine kleine spontane Band Swing - eine Gitarre, ein Kontrabass, ein Shaker gesellt sich dazu. Ein Paar tanzt etwas abseits und andauernd küssen sie sich. Ich beobachte die Menschen, die das Paar verstohlen oder offen beobachten. Halb Friedrichshain hat sich auf dem Boxhagener Platz versammelt, so scheint es mir. Statt der Flohmarktstände schaue ich mir heute die Menschen an. Wie sie alle hervorgekrochen kommen aus ihren Winterlöchern. Sie sehen glücklich und entspannt aus, lümmeln sich auf der Wiese, nur dass auf weiten Teilen grünes Gras fehlt. Die Spatzen und Tauben frohlocken ob des Saisonstarts für ein weiteres Jahr Picknickkultur.
Ich muss an San Francisco denken. Plötzlich entdecke ich etwas neues an Berlin. Ein Gefühl der Leichtigkeit, des Entspanntseins und des Sich-Gehen-Lassens, das für mich eigentlich so typisch für das Bay Area ist und das ich in Berlin so noch nicht entdeckt habe. In mir erspüre ich ein Gefühl, das mich an die Samstage in Oakland erinnert. Wir schlenderten über den Wochenmarkt und setzen uns unter einen sonnenspendenden Schattenschirm, um der Musik von Alma Desnuda zu lauschen. Um uns tobten Kinder oder sie tanzten und ich freute mich mit ihnen. Über allem wehte ein frischer Sommerwind und wir waren frei wie er.
Ich habe heute statt meiner Begleitung ein Buch dabei und sitze auf der Parkbank, bin aber Zuschauer des regen Treibens vor mir und zu den Seiten der Wiesenbühne. Meine Banknachbarin neben mir schmöckert in einem dicken Wälzer in einer Sprache, die skandinavisch scheint, mir aber unbekannt ist. Eine Erasmusstudentin aus Schweden, Dänemark oder Finnland? Ihre Freundin kommt und präsentiert den Schatz aus ihrer Einkaufstüte. Ich breche auf und laufe ziellos in Richtung Brücke. Habe ich Lust auf ein zweites Eis? Unentschlossen stelle ich mich in die dicke Schlange der Eisdiele und stelle fest, dass ich kein Eis mehr essen möchte, geschweige denn ewig darauf warten, während Kinder mit eisverschmierten Mündern sich an ihre Mütter klammern oder um uns herum toben. Ich lächele über mich und ziehe von dannen. Auf meinem Weg zur Brücke kommen mir mehr Menschen mit Eistüten in den Händen und vor den Mündern entgegen und ich bin glücklich darüber, dass ich gerade so wunschlos bin. An der Brücke angekommen setze ich mich auf ihr Geländer und lese mein Buch fast zu Ende. Fahrradfahrer und Fussgänger ziehen mal schnell mal langsam vorüber und ich vertraue darauf, dass auch sie alle den Frühling geniessen.
Zeit in Räumen ist nun begrenzt. Ich könnte tanzen vor Freude, mich im frischen Wind wiegen. Es ist eine Kraft aus unbekannten Tiefen, aber ich heisse sie mit allen Partikeln an und in mir willkommen. Ich kann nur von Sonne leben.
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