Meine Gedanken rattern noch immer und, klar, dieser Aspekt des menschlichen Miteinanders wird mich wohl ein Leben lang beschäftigen. Ich werde wiederholt, mal enger mal weiter, um das Erlebnis der gegenseitigen Annahmen kreisen. Ich beobachte mich in Situationen der Konfrontation mit einem Mitmenschen mittlerweile genau und schaue gezielt nach Innen. Es erstaunt mich, dass ich im letzten halben Jahr gehäuft mit offenen Anschuldigungen und Unterstellungen – also letztendlich mit Annahmen - konfrontiert wurde. So, als würde ich durch eine spezielle Schule gehen. Statt aufzugeben habe ich die Herausforderung des Lernens über mich selbst und über das Leben angenommen.
Es geht mir in keinem Fall um die Frage, ob Anschuldigungen berechtigt und Unterstellungen gerechtfertigt sind. Sie enthalten immer Wahrheit – genau die ‘persönliche Wahrheit’ für die Person, die sie hervorbringt. Mein Verhalten hat Annahmen hervorgerufen und eine Gegenreaktion ausgelöst. Für mein Gegenüber ist der aktuelle Zustand wahr, die einzige Wahrheit, die er oder sie im Moment kennt. Und es ist sehr gut, dass es nun angesprochen wird, zu Tage tritt, denn jetzt haben wir endlich die Möglichkeit, die ‘gemeinsame Wahrheit’ herzustellen - die Schnittmenge aus meiner Wahrheit und der Wahrheit meines Gegenübers.
Der Moment, in dem Annahmen über mich zu Tage treten, die für mich ‚nicht wahr’ sind und mich mitunter vollkommen vor den Kopf stoßen, ist genau der Moment, in dem es so leicht ist, schwach zu werden. Es ist der Moment, in dem mein Ego auf die Barrikaden geht und in dem ich fühle, wie erschüttert ich bin oder wie müde oder wie wütend. Am liebsten würde ich dann laut werden: „Wie kannst du mir so subtiles Verhalten zutrauen?” „Wie kannst du mir eine derart niederträchtige Absicht unterstellen?“ „Warum hast du nicht schon viel früher etwas gesagt?“ Am liebsten würde ich dann einen Vortrag über ein altes Sprichwort beginnen, das für mich ein großes Körnchen Wahrheit enthält: „Was ich selber denk und tu, das trau ich auch dem andern zu.“
Mir ist bewusst geworden, wie destruktiv derartige Reaktionen auf offen geäußerte Annahmen sind. Sie machen das Zusammenleben keinesfalls leichter, erschweren es eher. In emotionalen Reaktionen, die vom Ego getrieben sind, ist es so leicht, zusammen die Kontrolle über das harmonische Miteinander zu verlieren. Darum versuche ich, meine Traurigkeit, meine Erschütterung, meine Wut für den Augenblick hinunter zu schlucken, sie nicht zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen bemühe ich mich um eine sachliche Analyse, um ruhige Erklärungen, um gegenseitiges Verständnis und nicht zuletzt Entschuldigungen, Lösungen und Versöhnung.
Manchmal scheint es mir, als würde ich einen unendlich großen Brocken schlucken müssen, der mir das Gefühl gibt, dass er wie ein Kloß im Hals sitzt, dass ich an ihm ersticken könnte. Diesen Knoten trage ich mit mir wie ein schweres Paket und bin froh, wenn ich ihn in einem tiefen Atem, in einer Yogastunde oder mit der Zeit für mich – mit mir - lösen kann. Für mich ist genau diese Erfahrung die größte Lehrprobe: das Zusammenreißen zu üben anstatt mich mit einem lauten Knall von der erdrückenden Schwere zu befreien, indem ich laut ausbreche. Manchmal schaffe ich es nicht. Manchmal werde ich laut oder sehr emotional oder bin unheimlich enttäuscht über den Verlauf einer bestimmten Beziehung. Aber ich glaube dennoch fest daran, dass in der Selbstbeherrschung der Schlüssel zu Frieden und Harmonie liegt.
Zum einen: Keine Wahrheit ist absolut. Selbst wenn jemand „ihre Wahrheit“ über mich hat. Es ist nur ‚ihre Wahrheit’ und nichts Absolutes, solange für mich und andere eine ‚andere Wahrheit’ gilt. An diesem Punkt habe ich das Gefühl, dass ich eher an mir selbst arbeiten muss - nach Innen gehen muss anstatt auf Konfrontation nach Außen. Es ist mein Ego, das laut werden will, und letztendlich ist es das Ziel, sich vom Ego und allen seinen Zwängen und Querelen frei zu machen. Wahrzunehmen, dass das Ego sich zu Wort meldet, aber die Wortmeldung dennoch nicht zuzulassen. Nicht zuzulassen, dass mein Ego die Kontrolle über mein Glück in einem bestimmten Moment gewinnt.
Zum anderen bin ich überrascht und verführt vom Ergebnis. Beziehungen, von denen ich nach einem einschneidenden Erlebnis glaubte, sie würden daran zerbrechen, haben ‚das Fiasko’ überstanden und sind heute schöner – offener und ausgeglichener - als zuvor. Es war mit Sicherheit ein gemeinsamer Kraftakt, sie auf diese neue Stufe zu heben. Es verlangt Vertrauen, Ehrlichkeit und die Bereitschaft zu vergeben. Aber das ist eben genau der Punkt, den ich bereits zuvor angesprochen habe. Wenn wir uns selbst lieben, wenn wir einander lieben, uns respektieren wie wir sind und unsere Beziehung uns lieb, wert und wichtig ist, dann können wir kein anderes gemeinsames Interesse haben, als diesen Weg des Versuchens, des Verfehlens, des Lernens zusammen zu beschreiten. Gemeinsam zu laufen bedeutet, sich im eigenen Schritttempo zurückzunehmen und sich zusammen auf eine neue gemeinsame Schrittfolge einzulassen.
April 13, 2009
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