Immer wenn ich auf dem Weg von A nach B bin, sprudeln meine Gedanken. Heute war ich mit dem Rad auf dem Heimweg unterwegs und wunderte mich zum wiederholten Male in den vergangenen Wochen darüber, wie schwer für uns Menschen das Zusammenleben ist, wie schwer es ist, miteinander gesunde, glückliche Beziehungen zu haben. Spontan hatte ich den Einfall, einen Blogpost darüber zu schreiben. Mir ist bewusst, dass das ein ziemlich persönlicher Eintrag werden wird. Normalerweise ist mein Blog kein Medium, in dem ich mein Innerstes nach außen kehre. Aber in diesem Fall scheint mir, dass das Wunderbare an dem heutigen Thema ist, dass es uns alle betrifft. Ich spreche offen von mir, aber im gleichen Augenblick spreche ich auch von Dir. In diesem Sinne sehe ich meinen Blog in diesem Punkt als ein geeignetes Gerät, um in die Welt zu posaunen, was meine kleine Seele im Moment so sehr beschäftigt.
Mir ist in der letzten Zeit - in meiner Rolle als Freundin, Kollegin, Tochter, Bekannte, Mitmenschin – recht deutlich geworden, wie sehr wir uns unsere Welt nach unseren Gedankenbildern konstruieren. Ich bin mir gerade eines treffenden deutschen Wortes nicht bewusst, im Englischen würde ich es als mind set beschreiben. Wir nehmen etwas wahr: das Verhalten eines anderen Menschen. Aber es entspricht nicht ganz dem, was wir erwarten würden, und wir treffen folglich eine Annahme, finden vielleicht ein wenig Bestätigung in konsekutivem Verhalten, kommen zu einer Schlussfolgerung, und passen in der Endkonsequenz eventuell sogar unser Verhalten zu dem anderen Menschen an. „Sie mag mich nicht.“ „Er ist enttäuscht von mir.“ „Ich weiß nicht wie, aber ich habe ihn verletzt.“ „Sie ist sauer.“ Also melden wir uns nicht mehr, strafen ihn eines bösen Blickes, erzählen davon einer Freundin, sind enttäuscht, weil wir uns unterschätzt oder missverstanden, oder auch einfach nur vernachlässigt fühlen.
Ihr wisst genau, was ich meine, stimmt’s? Manchmal genügt ein Blick, und sei es nur ein Zucken oder Zwinkern oder eine kleine Ausdrucksveränderung im Gesicht des Gegenüber und schon fängt die kleine Gedankenmaschinerie mächtig an zu rattern. „Jetzt denkt er, ich bin total bescheuert.“ Je unsicherer wir uns unserer selbst sind, umso abstruser sind die Gedanken, die Ängste.
Ich selbst bin ein Meister im Weltzusammenreimen. Ich interagiere tagtäglich und wiederholt mit den gleichen Menschen. Ich bin viel gereist, habe in anderen Ländern gelebt, habe Freunde anderer Nationalitäten und, meine Güte, was habe ich für Missverständnisse erlebt! Allein schon mit der Sprache. Wer jemals mit anderssprachigen Menschen zusammen gelebt hat, kann ein Lied davon singen. Ich hätte es manches Mal gerne besser gewusst und gekonnt und es tut mir noch heute leid: ich bin im Englischen, Französischen, Spanischen und Russischen manchmal unangebracht, unhöflich, wenn nicht gar unverschämt gewesen. Und es wird wieder passieren, fürchte ich. Einfach, weil es andere Sprache und andere Kulturen verlangen, etwas anders zur Sprache zu bringen. Weil ich missinterpretiert werde. Außerdem sind wir Deutschen in manchen Dingen sehr direkt, während einem z.B. Amerikaner noch in der Kritik sagen, wie ‚awesome’ das Ganze doch eigentlich ist... Aber selbst die kulturellen Unterschiede beiseite gelassen, ich bin sehr gut darin, meine Gedankenlogik auf andere zu projizieren. Wer ist das nicht? Wir kennen ja nur die eine Gedankenlogik, nämlich genau die, die in unserem eigenen Kopf passiert. Und die Welt ist voller Rätsel. So wir bedienen uns des einen Schlüssels, dessen wir mächtig sind – Gefühl und Verstand, um Licht ins Dunkel zu bringen.
Eine Freundin von mir, sie arbeitet als Psychotherapeutin, hat es vor ein paar Wochen auf den Punkt gebracht: „We are not born to read each other’s minds“. Und das bedeutet schlicht und einfach: fragen.
Ich habe meine unsicheren pubertären Jahre gottseidank schon vor einiger Zeit überwunden und nun, ein paar weitere schmerzhafte Jahre und Erfahrungen später, bin ich bereits vor einigen Monaten an den Punkt gekommen, dass ich bewusst das „Zursprachebringen“ praktiziere, während ich mich gleichzeitig bemühe, zumindest das Schlussfolgern und Verhaltenanpassen abzulegen. Versteht mich nicht falsch, ich bin weder Meister noch Guru noch Prophet, und selbst noch nicht am Ende meines Lernprozesses. Ich persönlich denke, Annahmen sind gut und gesund und ganz normal. Sie beweisen, dass uns etwas wichtig ist, dass wir besorgt sind. Das wir Angst haben, zu enttäuschen, oder zu verletzen. Sie sind auch ein Schutzmechanismus, weil unser Instinkt uns suggeriert, dass wir uns mit einer Person vielleicht ein wenig in Acht nehmen müssen. Annahmen sind Ausdruck von Rücksichtnahme und Sensibilität für unsere Umwelt.
Das Ganze hat leider auch viel mit Ego zu tun, sobald es um uns selbst geht. Wir wollen, dass andere nur die beste Meinung von uns haben. Uns keine schlechten, minderen oder bösen Absichten oder schlechten Charakter unterstellen. Das Gute an den Egotrips ist, dass unser Ego uns immer sofort pusht. Will heißen, wir erklären uns, wir stellen klar und führen aus, um ja einem Missverständnis vorzubeugen.
Das tatsächliche Problem liegt in den Situationen, in denen wir jemand anderem genau jene nachlässigen oder abwertenden Haltungen und Charaktereigenschaften unterstellen, die wir für uns selbst immer sorgfältig auszuschließen wünschen. Wenn wir plötzlich glauben, dass diese Person uns nichts Gutes will, oder gleichgültig, egoistisch, unaufmerksam, verletzend oder rücksichtslos ist, uns nicht mehr so sehr liebt wie früher. Diese Ängste und Vermutungen sind mit aller Wahrscheinlichkeit so alt wie die Menschheit selbst. Sie werden gefährlich, sobald wir einseitig Schlussfolgerungen ziehen und entsprechend tätig werden. Wir schreiben nicht zurück, wir rufen den Freund (aus Trotz?) nicht an, ziehen uns zurück (Strafe durch Entzug), wir warnen andere, wir beklagen uns bei Dritten. Wir machen einen abfälligen Kommentar, einen zweideutigen Witz oder werden einfach nur gehässig. Manche Beziehungen zerbrechen daran.
Meine Erkenntnis nach all den Jahren und Erfahrungen ist, dass jeder Mensch Probleme hat – seine eigenen Probleme. Genauso hat jeder Mensch auch seine eigene Gedankenwelt, seine eigene gedankliche und emotionale Logik. Es ist nicht meine Aufgabe, diese nachzuvollziehen. Ich kann mich bemühen, diese aktiv kennenzulernen, indem ich Fragen stelle und es mir erklären lasse, aber ich kann eine andere Gedankenlogik nicht im Alleingang gedanklich oder emotional erschließen, weil mir meine eigene emotionale Gedankenwelt da ganz klare Grenzen setzt. Weder kenne ich die Lebensrealität meiner Mitmenschen (außer ich habe sie 24 Stunden 7 Tage die Woche das Jahr durch an meiner Seite), noch kenne ich all ihre Probleme, Ängste, Absichten, Ziele, Prioritäten noch ihre Annahmen oder Erwartungen. Ich bin nicht geboren, um Gedanken zu lesen, und ich habe angefangen, mich bewusst darum zu bemühen, dass ich das Verhalten meiner Mitmenschen nicht persönlich nehme.
Jemand ist zu spät zu unserer Verabredung? Sie meldet sich tage-, wochen-, oder gar monatelang nicht? Er zieht ein grimmiges Gesicht, ist in letzter Zeit immer schlecht drauf, wenn wir uns sehen? Ihre Umarmung war heute weniger herzlich als sonst? Er schreibt nicht wie sonst sofort, sondern erst eine Stunde später zurück? Es kann sein, dass er oder sie mich nicht mehr so lieb hat wie noch vor drei Tagen, drei Wochen oder drei Monaten. Dass sie mit der anderen Freundin unterwegs ist, mit der sie jetzt lieber ihre Zeit verbringt, dass die andere lustiger und schöner ist als ich, dass unser letztes Treffen langweilig war, dass ich etwas falsches gesagt oder getan habe, zu unzufrieden mit der Welt bin, dass ich sie verletze, dass ich Mundgeruch habe, oder sie sich für meine Klamotten vor den anderen schämt. Es kann auch sein, dass sie genauso in Arbeit versinkt wie ich, dass sie an mich denkt, aber nie der richtige ruhige Moment ist, um sich bei mir zu melden, dass sie notorisch zu spät ist, dass ihr nicht bewusst ist, wie wichtig es mir ist, dass sie sich, wenn auch nur kurz, wenigstens mit einer Zeile meldet, dass sie so sehr in eigene Gedanken verstrickt ist, dass sie sich nicht auf unser Gespräch konzentrieren kann, dass sie Sorgen hat, aber mich nicht damit belasten will, dass sie Sorgen hat und so deprimiert ist, dass sie sich nicht melden kann oder will. Es kann auch etwas total anderes sein. Jedenfalls liegen wir meistens daneben.
„Es nützt ja nichts“, sagt da gerne jemand, den ich glaube recht gut zu kennen. Und genau das ist es. All diese Gedanken sind normal und berechtigt, aber sie nützen nichts. Ich zwinge mich nun immer wieder dazu, schlichtweg zu hinterfragen, denn wie eine andere Person gerne sagt, die ich lieb habe: „Alles andere ist Hirnficken“. Ich schätze Ehrlichkeit und Offenheit im Leben und ich bemühe mich nun bewusst darum, sie im Alltag auch zu praktizieren. Ich frage nach, wenn mir etwas komisch vorkommt, wenn ich etwas nicht verstehe oder nachvollziehen kann, wenn ich aufgrund des Verhaltens meiner Mitmenschen verunsichert bin. Ich erkläre mich auch, aber vor allem versuche ich zu fragen. Bevor ich über mein weiteres Verhalten entscheide.
Ich gebe offen zu, es gelingt mir nicht immer. Ich ertappe mich immer wieder, dass ich mich von meinen Annahmen leiten lasse. Ich richte meine Gedanken, meine Emotionen, meine Urteile, meine Wertschätzung für mich und für die anderen, mein Verhalten nach ihnen aus. Ich beobachte andere Menschen, wie auch sie sich von ihren Annahmen in die Irre leiten lassen. Manchmal behandele ich andere Menschen aufgrund meiner Annahmen und manchmal werde ich aufgrund der Annahmen der anderen behandelt. Es tut weh, es macht das Miteinander so schwer. Mitunter ist es ein schmerzhafter Lernprozess; in beide Richtungen. Wahrscheinlich geht er ein Leben lang. Manchmal scheitere ich genau bei den Menschen, die mir am wichtigsten sind. Weil ich Berührungsängste habe, weil ich nicht verletzt werden möchte, weil die Wahrheit weh tun kann und weil es Mut und manchmal Kraft kostet, Fragen zu stellen und ihre Antworten zu hören.
Auf diesem Irrwegen voller Ecken und Kanten sind wir uns manchmal verloren gegangen und manchmal zusammen geblieben. Die eine Beziehung kam an ihr Ende und eine andere hält noch heute an, trotz Funkstillen, trotz Missverständnissen, trotz Fehlern und trotz Schmerzen. Am Ende sind es genau jene Beziehungen, in denen wir uns einander so wichtig sind, dass wir miteinander – zusammen - überleben. In denen wir uns lieben und deshalb aneinander festhalten, in denen wir uns fragen und immer wieder fragen und uns gemeinsam freuen, wenn wir Licht ins Dunkel bringen konnten. In denen wir am Ende eines Irrweges gemeinsam darüber lachen können, was für einen Schabernack unser Bewusstsein, unsere Ängste und unsere Sorgen mal wieder mit uns getrieben haben. Es sind diese Beziehungen in meinem Leben, in denen wir gemeinsam immer wieder wagen und deshalb nur gewinnen können, für die ich so dankbar bin.
Am Ende ist alles eine Frage der Liebe. Es beginnt mit der Liebe zu uns selbst. Dass wir uns selbst lieben und darauf vertrauen, dass wir gut sind, so wie wir sind. Dass wir uns selbst annehmen, in unseren Stärken, Fehlern, Schwächen und Liebenswürdigkeiten, in unseren Genialitäten. Dass wir all das an uns zu schätzen wissen. Und dann im zweiten Schritt hinaus gehen, um die Liebe zu unseren Mitmenschen zu praktizieren. Indem wir sie annehmen wie sie sind, als Persönlichkeiten mit ihren ganz eigenen Ansichten und Emotionen. Als Menschen in ihrem eigenen Dasein und Empfinden, das genauso berechtigt ist und das wir deshalb genau so respektieren müssen. Zu vertrauen, dass sie uns nur Gutes wollen und dass sie uns noch immer lieben und dass wir nicht all ihr Verhalten sofort auf uns selbst zurückführen. Und auch darauf zu vertrauen, dass wir es ansprechen können. Dass wir lernen und wagen, Vertrauen zu haben - in uns - und nicht sprachlos zu sein. Dass wir begreifen, dass unsere Ängste und unsere Annahmen in Bezug auf den anderen nicht ungesagt oder unbeantwortet bleiben müssen. Dass wir uns vergeben für manche Stille und manches Schweigen, für manchen Fehler und manches Verfehlen.
Für mich ist das Fragen die Sprache der Liebe. Eine Sprache der Liebe.
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