buenas tardes! einen schoenen guten nachmittag wuenscht euch eure jule aus dem fernen ecuador.
ich habe soeben beschlossen, meine arbeit fuer heute soweit ruhen zu lassen und nun endlich meine ersten neuigkeiten aus ecuador nach europa (und lateinamerika und neuseeland) zu senden, nachdem ich dieses vorhaben nun schon eine weile vor mir herschiebe und nun einige emails bekommen habe mit der frage, was ich denn hier eigentlich so treibe.
die ersten eindruecke meines lateinamerikanischen abenteuers sind die folgenden: stundenlang geht der flug ueber den unendlich blauen ozean und die tiefe unter mir ist bodenlos. ich koennte genauso gut auf dem ruecken liegen und in den himmel schauen - alles rundherum ist BLAU. erst der schatten der spaeteren wolken auf der wasseroberflaeche laesst mich den ozean unter mir erahnen.
dann die allgemeine aufregung im flugzeug: endlich land unter uns - venezuela. wir sind einen grossen bogen ueber den norden suedamerikas geflogen, alles so gruen. die ehrenrunde nur wenige meter ueber quito war "impresionante" und machte mir leichte magenschmerzen. der flughafen liegt direkt in der stadt und alle flugzeuge drehen zuerst eine runde ueber dem schmalen, langen tal, bevor sie landen.
flugzeuge ueber der stadt. etwas, das mich hier jeden tag begleitet, das ich immer hoere, oft sehe (nur erschreckend wenige meter ueber den haeusern) und das mich immer daran erinnert, wie weit weg ich von meiner heimat bin.
meine ersten tage in quito waren unverhofft lang und unertraeglich. statt sofort in meinen regenwaldurlaub aufzubrechen, musste ich meine zeit mit visaangelegenheiten und hoehenanpassungsproblemen um die ohren schlagen.
zumindest habe ich die ecuadorianische buerokratie besiegt! ich habe eine verwaltungsprozedur von sieben tagen auf zwei verkuerzen koennen und am zweiten tag hat mich die gestresste verwaltungaangestellte schon liebevoll "mì hija" genannt - meine tochter.
nur die hoehe quitos auf ca. 2850 metern mitten in den anden konnte ich bisher nicht bezwingen. ob ich leicht bergauf laufe, treppen steige oder mich beim laufen unterhalte - kleinste koerperliche anstrengungen bringen mich ausser puste. kopfschmerzen und schwindelgefuehl sind nicht selten meine begleiter.
aber der regenwald! ich habe vier wochen in den tropen gelebt und werde euch meine erfahrungen nur bruchstueckhaft um die ohren schmettern, weil es mich so voll gemacht und so beeindruckt hat, dass ich es kaum wiedergeben kann.
es ist eine farm von einem aelteren amerikanischen ehepaar, die seit jahrzehnten in den tropen leben und ihr geld mit dem verkauf von samen verdienen. riesige fruchtplantagen. fruechte, die man in europa weder sehen, noch riechen, noch schmecken ja nicht einmal ertraeumen kann. schleckerlecker.
primary rainforest - dunkel, feucht und das geheimnisvolle geraeusch der tropfen, die von oberen auf untere blaetter fallen. gruen in allen farben und toenen, satt und kraeftig.
insekten, die von putzig ueber fantastisch bis ekelerregend reichen (das befriedigende knacken einer fetten kakerlake; der kaefer aus dem reich von alice im wunderland; schmetterlinge in tausend farben; riesige conga-ameisen - sie beissen UND stechen; der kleine, sich bewegende ast; nervtoetende moskitos und ueber hundert stiche und und und).
faszinierende tarantulas: so gross mit laaangen beinen, so behaart, so schwarz mit dunkelblauem ruecken und so wunderschoen.
die zwei schlangen am wegesrand - sie haben mir soviel herzklopfen und soviel respekt verschafft, eine war eine korallenschlange...
und die anderen tiere: wildlebende affen (!!!), guatusas (wie hasen mit kurzen ohren), kinkadshus (wie affen in baeumen), eichhoernchen, der bezaubernde gesang der voegel, tukane, papageien, und das pferd und sein fohlen, die mulis, der hund, die katze, die huehner.
sich mit der machete durch den unbesiegbaren urwald schlagen, holz hacken, in der mittagshitze schwitzen, siesta in der haengematte, an der naehmaschine sitzen, fruchternte, kakaoernte, marmelade kochen, schokolade herstellen (mmmmm), der welt besten selbstgemachten kakao trinken (mmmmmmmmmmmmmmm), im fluss am wasserfall schwimmen, abendessen bei kerzenlicht, die naechtlichen geraeusche des waldes, auf dem pferd durch die tropen reiten, mit dem hund durch den urwald streifen, in den plantagen arbeiten, sich dem rhytmus des waldes und der sonne anpassen, nach sonnenuntergang erschoepft einschlafen.
ich habe soviel gelernt, soviel gesehen, so viel aufgesaugt und nie aufgehoert zu staunen. es war eine sehr praegende zeit. das leben in der millionenstadt fuer die naechsten sechs monate wurde unvorstellbar.
aber nun bin ich hier. sehe jeden tag zu, dass ich nicht von irgendeinem auto oder irgendeinem bus ueberfahren werde. ich habe in einem buch ueber die ecuadorianische nanosekunde gelesen: der zeitraum zwischen dem umschalten der ampel auf gruen und dem ersten hupenden auto. hm, es ist vielleicht eine halbe nanosekunde. und gruende zum hupen gibt es viele: beim ueberholen langsamerer verkehrsteilnehmer, fussgaenger auf der fahrbahn, vor dem abbiegen, beim anfahren, ein freund auf der gegenfahrbahn, ein mitreissender takt im radio, ein schoenes maedchen am strassenrand... der verkehr - ein chaos. aber die menschen
freundlich, und fremd.
die welt ist ganz anders, das leben hat einen anderen rhythmus, es bleibt spannend.
meine arbeit bei der gtz (gesellschaft fuer technische zusammenarbeit; macht deutsche entwicklungszusammenarbeit) erfuellt mich bisher kaum. vielleicht haette ich vorher jura in ecuador studieren sollen. Ich fuehle mich von meiner aufgabe nicht nur leicht ueberfordert. Habe meine (ecuadorianische) chefin, die wirklich sehr sympathisch ist (!, ich habe nur ihren schreibtisch gesehen und wusste, dass wir uns verstehen wuerden), nun um ein klaerendes gespraech gebeten. aber sie ist viel beschaeftigt und hat leider wenig zeit fuer mich.
nur soweit, denn es ist streng geheim und vertraulich. es geht um dezentralisierung und der befaehigung der institutionen auf der lokalen ebene durch weitere kompetenzen der partizipation. eigentlich sehr spannend, aber ich verbinge meine zeit bisher mit dem studium zahlreicher ecuadorianischer gesetzestexte... und anscheinend soll die kleine, unerfahrene jule dieses nun doch recht grosse land ein wenig mehr dezentralisieren helfen, zumindest innovativ inspirieren.
angenehm ueberrascht war ich von der tatsache, dass hier nur drei deutsche arbeiten und alle restlichen fast vierzig angestellten ecuadorianer sind. alle sind sehr engagiert und es finden staendig workshops innerhalb der einzelnen komponenten statt, die viel zeitgeist verspruehen. ein duft von umbruch in den raeumen.
das letzte wochenende bin ich ausgebrochen, um die bueroluft und das abgasschwangere quito fuer einen kleinen augenblick hinter mir zu lassen. mit einer mitpraktikantin habe ich in den anden 600-800 hoehenmetter erklommen und den dreissig hoechsten berg ecuadors, fuya fuya, mit seinen 4263 metern erstiegen. es war ein atemberaubendes gefuehl (wortwoertlich, ob der duennen luft), dort oben anzukommen, mit eigener, ermattender koerperkraft und dann auf die lagune im stillen vulkankrater ganz unten und die andensilhouette rundherum zu schauen.
und nun beginnt eine neue woche, lange buerostunden liegen vor mir und ich traeume von meinem naechsten, hoffentlich baldigen ausbruch aus quito.
es ist ein merkwuerdiges gefuehl, so weit weg zu sein, und zu wissen, dass es noch lang nicht vorueber ist. ich denke mich oft hinueber ueber den ozean und frage mich, was ihr wohl so alle macht. ich wuensche euch allen eine schoene zeit auf euren wegen und die kleinen abenteuer am wegesrand.
es ist halb sieben und draussen laengst dunkel, laengst zeit um schnell ins sichere zuhause zu schleichen. und dann will ich ja auch bei den naechsten "novedades del ecuador" noch etwas zu erzaehlen haben.
euch allen die herzlichsten und liebsten gruesse aus dem fernen ecuador.
ich denke an euch, vor allem, wenn ich eigentlich arbeiten sollte.
gruesse an das gute, alte konstanz!
passt auf euch auf und bis zum naechsten mal. ihr hoert auch im einzelnen von mir! ;)
hasta luegito. ¡y buenas noches!
eure jula
October 11, 2004
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