October 25, 2004

novedades del ecuador, no. 2

holá, liebe freunde,

es ist zeit, einige neue eindruecke mit euch zu teilen. seit meiner letzten mail bin ich nicht mehr verreist, sondern habe die wochenenden in quito verbracht und so einiges erlebt.

die altstadt quitos ist wunderschoen. sie ist vor allem wegen ihrer originalbauten aus der zeit der conquistadores (16.jahrhundert!) von der uno zum weltkulturerbe erklaert worden. viele verwinkelte gassen und kleine laeden, die sich immer je nach gewerbeart in einem viertel konzentrieren. der ledergeruch beim guertelmacher haengt mir noch immer in der nase.

wunderbar ist die ploetzliche leere in der stadt an wochenenden. die strassen wirken wie ausgestorben. wochenenden sind damit wirklich erholsam, weil man nicht staendig panisch vor den autos von der strasse springen muss. ueberhaupt ich habe eine interessante beobachtung gemacht: die ecuatorianer haben eine affinitaet fuer SPRUNGSPORT! (nur knapp uebertrumpft von fussball). die leistungen der menschen von jung bis alt sind absolut rekordverdaechtig:

1) schnelles effektives von-der-strasse-springen, bevor das naechste auto ueber den zebrastreifen brettert (beeindruckende dreisprungtechnik).
2) rettenderweise ueber das tiefe breite loch auf dem fussweg huepfen, weil der gullideckel verschwunden ist (weitsprung).
3)auf einen buss aufspringen, der in moderatem tempo an einem vorbeifaehrt, obwohl man an der bushaltestelle steht (hochsprung, man kann den - jetzt in der regenzeit obligatorischen - regenschirm als stab benutzen)
4) und augenscheinlich haben die ecuatorianer auch gute landetechniken entwickelt. letztens sprang ein hochbetagter mann vor mir aus einem fahrenden bus auf die strasse und ich habe beeindruckt sein standvermoegen bewundert.

aber ganz ehrlich. ich stehe den einen abend an der strasse und warte, dass doch bitte endlich die strasse frei zum ueberqueren ist, als ein bus vorbeirollt. der tickettyp haengt in der tuer (die uebliche art und weise) und ruft mir schon aus 10 metern entfernung das fahrtziel zu, gefolgt von einem lauten "venga, venga!" (komm, komm). ich vermute, er hat mich zum anlaufen angefeuert, denn der bus fuhr mit mindestens 30 sachen an mir vorbei. selbst wenn ich haette bus fahren wollen... anscheinend haben es die busfahrer hier besonders eilig.

und meine zweite beobachtung betrifft das breite warenangebot der oertlichen apotheken (farmacías), beobachtet auf so manch kleinem streifzug durch diese grosse stadt. nicht nur medikamente koennen dort gewoehnlich gekauft werden. nein, auch kunden auf der suche nach drogerieartikeln wie shampoo, seife, zahnpflege und kosmetika, werden hier fuendig. und dem nicht genug! die warenpalette reicht weiterhin ueber batterien, babyartikel, fotofilme bis hin zu: heinz-tomaten-ketchup!

meine tage beginnen hier ansonsten sehr beschwingt. auf der strassenseite gegenueber ist ein reparaturdienst fuer audiogeraete. taeglich beweisen die mechaniker ihr erfolgreiches koennen, indem sie platz und strasse mit lauten salsarythmen durch reparierte anlagen beschallen. das sorgt bei mir fuer unglaubliches lateinamerika-gefuehl!

dieses wochenende habe ich meine vermieterin, beatriz toral, naeher kennengelernt. sie ist eine sehr lebendige dame und betreibt unten im haus ein spanisches restaurant zusammen mit ihrer schwester. ich miete bei ihr ein kleines, gemuetliches zimmer und sie verwoehnt mich ab und zu mit resten aus dem restaurant oder einem selbstgemachten saft.

samstagabend hat sie eine freundin und mich zu einem spanischen fest in ihrem restaurant eingeladen. es gab tortilla española, "sanduches" (u=wi), pudding, kuchen und sangria. zwei singende maenner haben abwechselnd das publikum unterhalten und es ist sagenhaft, wie schnell die menschen hier feuer fangen. es wird sofort im rhytmus mitgeklatscht, mitgesungen, mitgeschwungen. nichts im vergleich zu uns verklemmten europaern!

die beiden ecuatorianer beglueckten uns leidenschaftlich mit den schnulzigsten liebesliedern und ich musste mir so das lachen verkneifen, weil der eine kleine, kraeftige mann mit sonnenbrille, der mich auch einmal zum tanzen aufforderte und mir bis zum kinn ging, so schrecklich suess lispelte("chica-fff-s"), waehrend er so laut und aus voller seele und vollem bauch traellerte. und dann kam die bezaubernde flamencotaenzerin und stampfte wie ein wuetender schwan...

am sonntag haben mich beatriz und susanna toral, inklusive ihres sonntagshutes, eingesackt, um mit mir in einen park zu fahren. und wuuuuusch ging es im auto durch die strassen! ich wollte mich so gern unter dem gurt auf der rueckbank einklemmen, musste aber zu meinem erschrecken feststellen, dass es keinen gab. vom park aus hatten wir einen wunderbaren blick auf die altstadt. wir waren in einer ausstellung ueber ein pre-inka-isches volk (die moches), ihre tempelbauten und ihre graeber. ich war sehr beeindruckt von den praezise gefertigten gold-und silberarbeiten sowie der tiefen religioesitaet der menschen. bis auf den kriegsgefangenen, waren alle sieben anderen grabbegleiter (erste frau; zwei konkubinen; zwei kriegs-und militaerchefs; ein waechter mit amputierten fuessen, damit er die letzte wache nicht verlaesst; ein kleiner junge; plus mehrere (wohl eher unfreiwillig geopferte) lamas und ein armer hund) freiwillig durch gift gestorben, um ihren Señor (stammesfuehrer) auf seinem weg ins jenseits zu begleiten.

ja. und dann waere da noch mein praktikum. ich arbeite mich fleissig durch die gesetzestexte. wenn ich die zeit dazu finde... heute findet irgendwo in quito ein workshop statt und letzte woche fiel den verantwortlichen ein, dass die deutschen materialien ja eigentlich noch ins spanische uebersetzt werden muessten... wir praktikanten haben fleissig geschuftet und mussten, schnell bitte!, zum teil erfinderische uebersetzungsarbeit leisten. oder wie wuerdet ihr "struktur-lege-technik" oder "puzzlegruppe" uebersetzen, wenn eure sprachkenntnisse euch gluecklicherweise dazu befaehigen, ein brot zu kaufen? naja, ganz so schlecht ist mein spanisch nicht. ;)

ich glaube nur, meine chefin ist nicht so gluecklich mit mir und meiner arbeit. zumindest gruesst sie mich nicht mehr und das trifft mich. vielleicht liegt es daran, dass alle in meiner komponente nun verinnerlicht haben, dass es eine neue praktikantin gibt, die dringende arbeiten abnehmen kann. meine chefin hat mich auf die dringlichkeit meiner eigenen studie hingewiesen und mich zur konzentration auf diese aufgefordert, auch wenn sie mir zwei minuten spaeter noch eine andere untersuchung aufgetragen hat... jedenfalls habe ich dann mal vorsichtig versucht, um hilfe bittende mitarbeiter auf meine eigene aufgabe hinzuweisen und ich befuerchte, das ist nicht so gut angekommen. (eva, wie war das? lateinamerikaner sind gute "arbeitsrepellents?" diese
eigenschaft sollte ich mir auch dringend angewoehnen.) mittlerweile verzichte ich oefter mal auf meine mittagspause und habe auch schon einen persoenlichen rekord mit elf zeitstunden im buero aufgestellt. klaro, ich beisse mich hier durch!

in diesem sinne. ueber dem tal, in dem quito liegt, braut sich ein riesiges, dunkles gewitter zusammen. bevor noch der blitz einschlaegt und diese, eh schon viel zu lange, email abhanden kommt, schicke ich sie lieber gleich mit meinen besten gruessen an euch alle auf reisen.

eure jule.


p.s. ich kaempfe mich weiterhin fleissig durch den emailberg. es wird
euch allen einzeln geantwortet, versprochen!

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