War es die Abstraktheit der Daten mit den Werten `0' `1' `2' für`keine', `gelegentliche' und `systematische' Ausübung von Folter / Mord / Verschwindenlassen, die ich mit einem trockenen Befehl in meinem Arbeitsspeicher geladen hatte? War es wissenschaftliche Distanz? Ein Hauch kühler Professionalität? Die Komplexität des statistischen Verfahrens, welche alles andere aus meinem Kopf verdrängte? War es der Fakt, dass ich geflissentlich jedes veranschaulichende Material gemieden und über detaillierte Beschreibungen diverser Foltermethoden hinweggelesen hatte?
Wenn mich bisher jemand gefragt hatte, worüber ich eigentlich meine Magisterarbeit schreibe, rief meine Antwort "Über Folter und die Anti-Folter-Konvention der Vereinten Nationen" Reaktionen des Erstaunens, des Schreckens, des Unglaubens, manchmal des Respekts, aber auch des Mitleids hervor. Wie ich das denn aushalten würde? Keine Ahnung. Ich habe einfach in Ruhe gelesen, gerechnet, geschrieben, gearbeitet, nachgedacht, aber nie ernsthaft nachgefühlt.
Gestern abend beschäftigte ich mich mit dem Zusammenhang zwischen Demokratie - Autokratie - Totalitarismus und staatlicher Repression. Ich las über das 20. Jahrhundert unter dem zynischen Titel "Absolute Power Kills Absolutely":
"In total, during the first 88 years of this century, almost 170.000.000 men, women, and children have been shot, beaten, tortured, knifed, burned, starved, frozen, crushed, or worked to death; or buried alive, drowned, hanged, bombed, or killed in any other of the myriad ways regimes have inflicted death on unarmed, helpless citizens or foreigners. The number of dead could even conceivably be near a high of 360.000.000 people. This is as though our species has been devastated by a modern Black Plague. And indeed it has, but a plague of absolute power and not germs." (Rummel 1994: p. 4)
Nachts um halb drei, etwas müde, nicht mehr in vollster Konzentration, im Zimmer wenig Licht, draussen alles schwarz, still. Mir vereiste die Hand. In mir drin wühlte nur noch fassungslose Sprachlosigkeit. Eine Empfindung, als würde es mich von allen Seiten erdrücken. Wie Ohnmacht, ich wollte gern vor mir selbst kapitulieren. Um eine bildliche Vorstellung von den Seelen und Schicksalen hinter diesen Zahlen nicht zuzulassen.
Wem schenkt das Leben Sicherheit, wer gibt Hilfe, wer bleibt unschuldig und wie behandelt man Schuld. Wo ist meine Rolle und was fühle ich, was soll ich tun, wie handeln. Bin ich ignorant? Zu nüchtern? Woher rührt Grausamkeit, wo entspringt Mitgefühl. Warum leben wir hier und haben andere woanders leben und sterben müssen?
Ich schreibe hier und jetzt, weil es aus mir drängt, weil ich mich wieder an meine Arbeit setze, weil die Hülle jetzt dünner ist, vielleicht weil ich Angst vor meinem Einbrechen habe.
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Passend zu Thema und Gefühl verkündeten die Nachrichten gestern den Tod des früheren indonesischen Diktators Suharto. Dank eines ärztlichen Attests hatte er sich für seine Schreckensherrschaft nie vor der Justiz verantworten müssen. Mehr Infos zu diesem Menschen kann man in Wikipedia nachlesen. Suharto ist mit den Massakern der indonesischen Armee in Ost-Timor prominent in der vorletzten Zeile der Tabelle (s.u.) vertreten.
Mehr Infos zu Rudolph J. Rummels Arbeit gibt es hier.
Hier noch die Tabelle von S. 5 (Rummel 1994) zu den grössten Verbrechern der Menschheitsgeschichte des 20. Jahrhunderts:
Quelle:RUMMEL, R. J. (1994): "Power, Genocide and Mass Murder", in: Journal of Peace Research 31 (1), pp. 1-10.

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