Jeden Monat kündigt es sich an. Sobald neben, an und vor den Schweizer Wohnhäusern die Papierberge wachsen und mir beim gelegentlichen Öffnen des Flurschranks ein beständig anschwellender Papierfluss entgegenströmt, den ich jedesmal mühsamer zurück in die Schranken stopfe, weiss ich: die Schweizer Altpapierabfuhr kommt vorbei und es ist höchste Zeit!
Dann heisst es, geschwind den Papierfluss zu bündeln und fein säuberlich zu Paketen zu schnüren und dann hinaus damit, stapel Papier hier, stapel Pappe da, und schwupdiwupp hebt sich die Schweizer Papierpapperlapapp-Berglandschaft dank deutschen WG-Beitrags noch mehr in den Himmel.
Und so sass ich auch heute morgen verschlafen vorm Flurschrank und bemühte mich, dem Papiermüll der letzten zwei Monate Frau zu werden. Mit noch halb verklebten Augen Papier zu schaufeln, zu sortieren, zu stapeln und mit Paketschnur zu umzingeln, ist eine erstaunlich konzentrierte, meditative Beschäftigung. Es ist so direkt - wie die Demokratie der Schweiz! Zugegeben, ich sehnte mich innigst nach der grossen blauen Papiertonne aus vergangenen Chérisy-Zeiten, als man die Papierkiste mit einem Ruck - also ganz unkontrolliert und ungeordnet, ja, fast schon chaotisch - in ihr Inneres entleerte, so sie denn nicht schon längst voll war. Ein allerdings recht befreiender Akt! (Nebenbei fällt mir ein: Eigentlich könnte man uns aufgrund der diesem Akt anhaftenden Wildheit nicht gerade als "stereotyp deutsch" bezeichnen. Aber andererseits können wir so vielleicht besser die unzähligen Bunkeranlagen an der deutsch-schweizerischen Grenze nachvollziehen, weil sie vor der Invasion der papierschleudernden, deutschen Wilden schützen.)
Ein Papierpaket später musste ich bei dem Gedanken an eine Wohnungsüberflutung durch unbezwingbare Papierberge kichern. Sollten wir die Papierabfuhr ein weiteres Mal und noch einmal und dann wieder versäumen: ein Papierquellfluss würde sich unweigerlich aus dem Schrank in unsere Wohnung ergiessen und sogar bis in den Hausflur, sollten wir nach Monaten Zeitunglesens mal wieder die Nase aus der Wohnungstür stecken. Da wäre es dann an der Zeit, Privatspenden für Flutopfer zu sammeln. Kein Problem im Land der dicken Konten!
Auf dem Rückweg vom neuerlich gewachsenen Altpapierberg des Hauses blieb ich an unserem Briefkasten hängen und verspürte plötzlich den Drang das "Bitte keine Werbung"-Schild mit "Bitte-kein-Papier!" auszutauschen. Allerdings habe ich sofort eingesehen, dass es unserer WG noch nicht vollends gelungen ist, sämtlichen Schriftverkehr zu digitalisieren. Aber dann hatte ich's! ICH WÜNSCH MIR JUNGPIONIERE FÜR DIE SCHWEIZ! Jungpioniere mit blauen Halstüchern, die mit einem Wägelchen von Haus zu Haus ziehen, fleissig, höflich und diszipliniert das Papiergut an den Wohnungstüren einsammeln und sich durch die Abgabe bei der Altpapiersammelstelle ein paar Rappen für die Pionierkasse dazuverdienen.
Die Schweizer haben ganz recht mit der Haushaltshandarbeit: nur so ist Zeit, um über das Kreuzchen beim nächsten Volksentscheid zu sinnieren. Und nur so entstehen noch revolutionäre Ideen! Sisch scho guet!
P.S. Dem Anlass angemessen habe ich mich dazu entschieden, diesen Post in geordnetem und übersichtlichem Blocksatz über meinen bisherigen Posts abzulegen.

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